Ethik und Fragen der Verantwortung in Zeiten der Digitalisierung

Das 12. Magdeburger Theorieforum wird 2019 am 28. und 29. Juni in Magdeburg stattfinden und sich dem Thema der Medienethik zuwenden. Fokussiert werden sollen Fragen der Ethik und Verantwortung in Zeiten der Digitalisierung. Ziel ist es, diese Fragen mit Blick auf soziale Phänomene des Digitalen zu erfassen und für die Theoriebildung zu wenden. Wie ist eine ethische und gesellschaftliche Reflexion über den Prozess der Digitalisierung möglich, und wie kann sie theoretisch erfasst werden? Welchen Beitrag leisten dabei Philosophie, Bildungswissenschaft, Medienwissenschaft, Medienbildung und andere Disziplinen?

Es sind Probleme wie Fake News und Hate Speech, die danach fragen lassen, welche Rolle Ethik und Fragen der Verantwortung in Zeiten der Digitalisierung spielen. Je mehr sich digitale Technologien in die alltäglichen Abläufe einschreiben, desto mehr entziehen sie sich offenbar der Sichtbarkeit. Dies zieht komplexe Veränderungsprozesse hinsichtlich der Wahrnehmung und Gestaltung von täglichen Abläufen nach sich, die nicht selten immer mehr Automatisierung erfahren und mit der Delegation weitreichender Entscheidungen an intransparente Algorithmen verbunden ist. Der Ruf nach einer (neuen) digitalen Ethik wird gerade in Zeiten der Verunsicherung laut, in denen tradierte Denk- und Handlungsmuster erschüttert werden und gesellschaftliche Normen und Werte an Orientierungskraft verlieren. Zu fragen ist hier, inwiefern eine neue, digitale (Medien-) Ethik erforderlich wird und eine solche Orientierung ermöglichen kann.

Zu den ethischen Herausforderungen des digitalen Zeitalters gehört der zunehmende Einfluss nicht-menschlicher Akteure. Auf Plattformen wie dem Fahrtendienst Uber werden z.B. Aufträge auf Basis algorithmischer Operationen den Fahrenden zugeteilt. Damit werden algorithmische Entscheidungssysteme zum Vorgesetzten derer, die eine Fahrt mit ihrem Fahrzeug anbieten. Zu fragen wäre hier beispielsweise, inwiefern algorithmische Systeme als nichtmenschliche Akteure ins Verhältnis zu menschlichen Führungskräften und Kolleg*innen gesetzt werden können und welche Konsequenzen sich für Fragen der Verantwortung ergeben.

Nichtmenschliche Akteure treten mehr und mehr auch durch Künstliche Intelligenz (KI) ins Feld. Wenngleich KI kein neues Phänomen ist, erfahren autonome Systeme mit steigender Rechenleistung und der gleichzeitigen Weiterentwicklung von Softwarekonzepten in den letzten Jahren mehr und mehr Aufmerksamkeit. Gestützt durch Konzepte wie Machine Learning und deren Implementationen über beispielsweise Deep Learning können nicht nur Spiele wie Go gewonnen oder selbstfahrende Autos entwickelt werden, es soll der Blick in die Zukunft ermöglicht werden, um Verhaltensmuster zu erkennen und darauf einwirken zu können.

Das Vertrauen in digitale Technologien ist hoch, doch inwiefern lassen sich Fragen der Ethik überhaupt in algorithmischen Systemen abbilden? Nahezu alle Versuche der Automatisierung von Prozessen sehen sich immer wieder mit der Herausforderung konfrontiert, die Fragen der Verantwortung ins Verhältnis zu setzen. Schon 2016 unternahm Microsoft den Versuch der Umsetzung eines intelligenten Chatsystems, indem es eine KI mit dem Chatbot Tay verknüpfte, der lernen sollte, wie Menschen – insbesondere junge Heranwachsende – sich im Netz unterhalten, sozialen Austausch betreiben und kommunizieren. Schon nach kurzer Zeit musste der Versuch abgebrochen werden, da der Bot quasi über Nacht anfing, rassistische und diskriminierende Hasspostings zu verbreiten. Wie Algorithmen funktionieren, warum sie was machen, wer welche Werte implementiert, unter welchen Bedingungen die Algorithmen welche Daten verarbeiten und wie die Ergebnisse dann präsentiert werden – das sind grundlegende Fragen, ebenso wie jene nach der Orientierung in einer digitalen Welt. Diese Fragen berühren nicht zuletzt auch das Schnittfeld der Medienkompetenz und Medienbildung im Wissen über diese Systeme, Prozesse und deren Implikationen für das Soziale.

Im Theorieforum sollen diese Fragen auf der Grundlage ausgewählter Vorträge bzw. Präsentationen diskutiert werden. Diese könnten sich zum Beispiel auf folgende Themen- und Gegenstandsbereiche beziehen:

  • Trickster, Trolle und Selbstentgrenzung im Netz
  • Fake News und die Suche nach der Wahrheit
  • Der Stellenwert von Ethik in einer digitalen Gesellschaft
  • Verantwortung und Assistenzsysteme
  • Medienethik und Medienpädagogik
  • Verantwortung, Kommunikation und Selbstdarstellung im Netz
  • Machine Ethics und Algorithmenethik
  • Robotik, Quantified Self und Human Enhancement

Interessent*innen sind herzlich eingeladen, bis zum 15. April 2019 einen kurzen Abstract im Umfang von maximal 500 Wörtern an theorieforum@ovgu.de zu schicken. Die Mitteilung über die Annahme der Abstracts erfolgt bis zum 15. Mai 2019. Einreichungen von interdisziplinär ausgerichteten oder aus anderen Fachdisziplinen stammende Beiträge sind ausdrücklich erwünscht. Das Theorieforum soll Raum zum intensiven und auch fachübergreifenden Austausch bieten, daher umfassen die Slots für die Vorträge bis zu 90min (45 Min. Vortrag und 45 Min. Diskussion).

Das Theorieforum versteht sich als regelmäßiges Ergänzungsangebot zu den beiden jährlich angebotenen Tagungen der Sektion Medienpädagogik der DGfE. Ziel ist es, zentrale Theoriediskurse aufzugreifen, zu bündeln und ohne den Druck der Transformation in handlungsrelevante Konzepte in vergleichsweise großzügig bemessenem Zeitrahmen zu diskutieren.


Johannes Fromme, Jens Holze, Stefan Iske und Dan Verständig


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