978-3-658-03529-7Positionen der Medienbildung

Die Diskussion um die Leistungsfähigkeit des Medienbildungsbegriffs der letzten Jahre hat dazu geführt, dass es unterschiedliche Auffassungen und Ansätze dazu gibt. Diese beziehen sich teilweise auf die theoretischen Referenzen, teilweise auf die Begriffsarchitektonik, teilweise auf das Leistungsprofil. Diese Diskussion ist sicherlich begrüßenswert und zeigt, dass die Disziplin der Medienpädagogik sich entwickelt. Auf der Tagung am 8. und 9. Juli 2011 wollen wir diesen Diskurs fortführen.


Abschlussbericht

Am 8. und 9. Juli 2011 fand bereits zum vierten Mal das Magdeburger Theorieforum statt. Nachdem 2009 in diesem Rahmen “die konstitutive Kraft der Medien” thematisiert wurde und im letzten Jahr das Motto “Zeit, Medialität und Bildung” lautete, war das aktuelle Forum ganz den “Positionen der Medienbildung” gewidmet. Organisiert wurde das Theorieforum von Winfried Marotzki und Norbert Meder, deren Beiträge gleichzeitig als Rahmen für die Veranstaltung dienten.

So eröffnete Norbert Meder von der Universität Duisburg-Essen mit seinem Beitrag “‘Das Medium’ als die Faktizität der ‘Wechselwirkung von Ich und Welt’” die Veranstaltung durch einen an Humboldt angelehnten philosophischen Blick auf Bildung als “Sich-Bestimmen” unter Bedingungen von Fremdbestimmung. Unter Verweis auf Hönigswald und Luhmann leitete er aus dem Wechselspiel von Selbstreferenz und Fremdreferenz und der Feststellung, dass Kultur stets mediale Kultur ist, die Erkenntnis her, dass “Kultur nur als Bildung performant wird und Bildung in der Performanz von Kultur medial ist”. Insofern stelle (Medien-)Bildung die Grundlage zur Erhaltung der (Medien-)Kultur dar.

Daran anschließend präsentierte Ben Bachmair (London) anhand von Beispielen aus praktischen Medienprojekten mit Schülern einen neuen medialen Interaktions- und Bildungsraum unter dem Titel “Medienbildung und Kulturökologie, eine hilfreiche Diskussion gegen die Vernützlichung des Lernens”. Mit Verweis auf Theo Hugs Überlegungen zur Integration der Alltagsressourcen von Kindern und Jugendlichen in die festen institutionellen Rahmen der Schule wurden anhand diverser Beispiele die Möglichkeiten des situierten Lernens beschrieben.

Hier wurde die Kraft der Medien im Bildungskontext nicht etwa als Lerngegenstand, sondern als Kulturpraxis deutlich, die insbesondere auch Zugang zu den Lebenswelten der Schüler ermögliche, wenn sie Gelegenheit bekämen, sich selbst medial zu repräsentieren und zu orientieren. Das Handy als Medium und Alltagsressource der Schüler wird bei Bachmair zur Reflexionsebene sowohl für den Schüler als auch für den Lehrer.

Torsten Meyer (Universität zu Köln) thematisierte unter dem Titel “Medienbildung aus mediologische Perspektive: Wie sich ein Medium bildete, in dem nun Bildung neu gedacht werden muss“ die Problematik des Bildungsbegriffs unter Berücksichtigung einer vollständig medial durchdrungenen Umwelt. Dabei rekurrierte er auf McLuhans These, welche die Medien als “Extensionen der Sinne” begreift, und führte diese mit dem Konzept des homo contextus (Teemu Arina) fort. Im Zuge seiner mediologischen Herleitung schlug Torsten Meyer vor, das „Medium im Singular zu denken”, da die Pluralisierung einerseits eine Möglichkeit zur Distanzierung sowie Enthaltung impliziert und andererseits der Blick für die medialen Zusammenhänge getrübt wird. Demgegenüber ist das „Medium im Singular” als eine allumgebende Form bestehend aus verschiedenen Phänomenen zu verstehen, wie am Beispiel des WWW dargestellt wurde. Im Zuge dessen wurde auch die Charakteristik der “Neuen Medien” kritisch besprochen. Seine Überlegungen führten zu der Frage, ob eine Bildungstheorie konsequent als Akteur-Netzwerk-Theorie gedacht werden kann. Im Zuge dessen diskutierte er, inwiefern Bildungsprozesse als Transformationsprozesse von Selbst- und Weltverhältnissen, vor dem Hintergrund einer sich radikal verändernden Gesellschaft, gefasst werden können. Bildungsprozesse sind dann nicht nur als Rahmungsprozesse zu verstehen, sondern vielmehr als nicht-menschlicher Akteur. Die behandelten Schwerpunkte wurden abschließend unter einem vorgeschlagenen „Education Design“ zusammengefasst, welches alle am Bildungsprozess beteiligten technischen Artefakte sowie sozialen Akteure als Gegenstand und Resultat wechselseitiger Verknüpfung versteht und durch den Eingriff gestalterische Mittel und Werkzeuge beeinflusst werden können.

Der erste Tag endete mit dem Beitrag zur “Medialität als Ausgangspunkt für eine Theorie der Medienbildung” von Manuela Pietraß aus München. Sie bearbeitete anhand der Goffman’schen Rahmentheorie die individuelle Konstruktion von Medienwirklichkeiten und führte ihre Überlegungen beispielhaft am Medium Fernsehen aus. Dabei ging sie insbesondere auf die Vielfältigkeit des Angebots und die damit steigende Orientierungsleistung, welche zur Rahmung notwendig ist, ein.

Den zweiten Tag des Theorieforums eröffnete Dieter Spanhel von der Universität Erlangen-Nürnberg mit dem Thema “Der Prozess der Medienbildung auf der Grundlage von Entwicklung, Lernen und Erziehung” und stellte zentral die Frage, inwiefern sich Medienpädagogik ändern muss, um die Medienbildung zu integrieren. Dabei versteht er Medienbildung konkret als Prozess des Heranwachsens. Während Medien schon in frühester Kindheit als Wahrnehmungs- und Handlungsobjekte dienten, nutzten Kinder und Jugendliche sie nach Erlernen des Zeichensgebrauchs “durch selbstständige Rahmung zur Erschaffung eigener Wirklichkeiten”. Eine Medienerziehung vor diesem Hintergrund müsse ihnen das Rüstzeug mitgeben, um beispielsweise mit der komplexen Medienkultur umgehen zu können und Medienwelten als Möglichkeitsräume, in denen im Gegensatz zur Wirklichkeit potentiell alles möglich sei, zu nutzen.

Im Anschluss daran widmete sich Tilmann Sutter (Bielefeld) unter dem Titel “Selbstsozialisation und Medienbildung” dem Verhältnis von Medienbildung und Medienkompetenz. Aus mediensoziologischer Sicht beschrieb er zunächst die Notwendigkeit einer stärkeren Abgrenzung und zugleich genauere Bestimmung des Medienkompetenzbegriffs, um ausgehend davon den Anforderungen, welche insbesondere die Neuen Medien an eine analytische Untersuchung stellen, gerecht zu werden. Diese Überlegungen führte er beispielhaft am Web 2.0 fort, wobei er zudem auf das Verhältnis von Fremd- und Selbstsozialisation beim Erwerb von Medienkompetenz einging und neben den Formen der Medien sowie den subjektiven Nutzungs- und Wahrnehmungsprozessen auch auf die Bedeutung sozialer Kontexte hinwies.

Unter dem Titel “Medienbildung – Vom Wechsel der Sprechweise zum Paradigmenwechsel” präsentierte Winfried Marotzki seinen Blick auf das Feld in Form einer forschungsbiografischen Retrospektive. Dabei zeigte er auf, wie der deutsche Idealismus als philosophische Linie, die Chicagoer Schule als sozialwissenschaftliche Linie sowie die Biografie- und qualitative Bildungsforschung als pädagogische Linie in seiner Arbeit zur Formulierung der strukturalen Medienbildung geführt haben. Angelehnt an Mittelstrass stellt er sich die Frage, wie Menschen sich in der Moderne orientieren und versucht diese, auf Basis des symbolischen Interaktionismus, durch Analyse von zeitdiagnostischen Elementen in Medienobjekten wie beispielsweise des Spielfilms zu beantworten

Insgesamt versammelte das Magdeburger Theorieforum sehr unterschiedliche Perspektiven auf das Feld der Medienbildung in einem angenehm großzügigen Zeitrahmen, der es erlaubte, mehr als nur die theoretische Oberfläche zu beleuchten. In den regelmäßigen Pausen am Buffet ergab sich auch für die zahlreichen anwesenden Studierenden die Möglichkeit zum Austausch mit den Vortragenden zur jeweiligen theoretischen Auffassung. Deutlich wurde zudem, dass Medienbildung als innovativer Strang der deutschen Forschungslandschaft anzusehen ist.


Organisation

Organisiert und moderiert von Winfried Marotzki (Magdeburg) und Norbert Meder (Bielefeld) unter Mitwirkung von Nawid Sorusch.